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Digitale Meinungsbildung – hinterfragst du schon oder konsumierst du noch?

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Aus aktuellem Anlass, nämlich einen Bericht über die brasilianischen Präsidentschaftswahlen, bringe ich meine Gedanken über die Meinungsbildung in der heutigen, digitalen Zeit zu „Papier“. Ein längerer Text. Ich fasse mich beim nächsten wieder kürzer. Versprochen.

 

In welchen Ausmassen allgemeine Meinungsbildung über digitale Kanäle betrieben wird, drang erst mit dem letzten US-Präsidentschaftswahlkampf in mein Bewusstsein. Plötzlich redeten und schrieben alle über tausende von Fake-Profilen, die mit ihren Beiträgen ebenso tausende Bürgerinnen und Bürger in ganz Amerika hinter’s Licht geführt hatten. Nachdem der vermeintliche Aussenseiter Donald Trump die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, wurden die Stimmen immer lauter und hysterischer, welche eine bessere Kontrolle der Social Media Kanäle und der dort verbreiteten Fakten forderte. Eine einfache Google-Suchanfrage bringt haufenweise Recherchen zutage, die zeigen zeigen, wie profitorientiert unsere persönlichen Daten (die wir mehr oder weniger bereitwillig preisgeben) weitergereicht werden.

Es wird gewarnt von verschiedensten Apps und digitalen Hilfsmitteln, über die wir noch viel sensiblere Daten verraten, als in den sozialen Medien. Der Ruf nach einem Schulfach in Digitalisierung und Datenschutz wird ebenso laut, wie der der besseren Kontrolle des Internets. Es werden Datenschutzverordnungen und AGBs angepasst und es vergeht kaum ein Monat in dem Google und die Social Media-Riesen nicht beteuern, wie wichtig Ihnen die Sicherheit der Nutzerdaten seien. Deshalb werde politische Werbung jetzt strenger kontrolliert.

Gerade diese Woche las ich in einer Onlinezeitung, dass ein grosser Teil des brasilianischen Präsidentschaftswahlkampfs über Whatsapp, einen kostenlosen Messengerdienst des Facebook-Imperiums, geführt wird. Anscheinend verbreiten die im Wahlkampf beteiligten Parteien ihre News und alternative Fakten über Whatsapp und fluten so Millionen von Handys und Gehirnen. Die Propaganda wird nicht mehr über öffentliche Netzwerke, sondern über ganz persönliche, private Kanäle wie Whatsapp verteilt. Für mich ist dies eine logische Folge der stärkeren Kontrolle in den sozialen Medien: Die Propaganda-Maschinerie lernt dazu und weicht auf persönliche Kanäle aus, die kaum eingeschränkt sind.
Und auch in Brasilien scheint sich zu wiederholen, was vor zwei Jahren in Amerika geschah: Es werden ganz gezielt Falschmeldungen verbreitet, um gegen den einen oder anderen Präsidentschäftskandidaten Stimmung zu machen und es funktioniert. Und auch hier wurde der Ruf laut, dass der Messengerdienst doch besser kontrolliert oder bis zu den Wahlen gar eingeschränkt werden soll.

Demonstrantin in Brasilien.  REUTERS/Nacho Doce

Wer trägt die Verantwortung für was?

Nach den US-Wahlen war ich zu gleichen Teilen schockiert und fasziniert davon, was mit den heutigen digitalen Kommunikationsmitteln möglich schien und vor allem auch, wie viele Menschen sich nachhaltig beeinflussen liessen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob die Verantwortung für diese Misere tatsächlich an die sozialen Medien abgeschoben werden konnte.

Ich bin keine „Digital Native“ (eine Person, die mit digitalen Hilfsmitteln aufgewachsen ist). Ich hatte mein erstes Smartphone mit ungefähr 25 Jahren. Was man mit meinen Daten anstellen kann, die ich Online zur Verfügung stelle und wo überall ich meine Spuren hinterlasse, wurde mir erst im Lehrgang über Digital Marketing richtig bewusst. Und je mehr ich darüber lernte, wie man die Nutzer dazu bringt, seine Daten preiszugeben und wie ich sie anschliessend für meine Zwecke weiterverwenden kann, desdo mehr wuchs in mir das Bedürfnis, meine eigenen Daten zu schützen. Nur, in unserer digitalen Welt funktioniert Datenschutz (noch) nicht. Wenn wir all die digitalen Hilfsmittel –schon nur das Smartphone an sich – nutzen wollen, geben wir automatisch eine Unmenge an Daten über uns Preis. Das lässt sich gar nicht in dem Umfang einschränken, als dass man anonym bleiben könnte.

Jede App, jede Online-Bestellung, jede Kreditkartenzahlung, das Smartphone-Betriebssystem selbst, sammelt fleissig unsere Spuren im Netz. Ich kann die Datensammlung zwar etwas einschränken aber nicht unterbinden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten und der Finanzkraft, die manche Unternehmen haben, ist es nicht so schwierig, Datenschnipsel zusammenzukaufen und daraus ein ziemlich konkretes Bild von mir zusammenzufügen. Draus lässt sich dann ableiten, welche Themen für mich wichtig sein könnten und auf welche Trigger ich wahrscheinlich anspringen werde.

Wer trägt denn nun die Verantwortung dafür, dass (falschen) Neuigkeiten, unsere digitale Meinungsbildung beeinflussen. Sind es wirklich Tech-Giganten wie Facebook und Google sowie unser Staat? Ich will die Tech-Giganten, die sich mit dem Datengeschäft eine goldene Nase verdienen, nicht aus der Verantwortung entlassen. Dennoch glaube ich, dass wir selbst für unsere Meinungsbildung verantwortlich sind. Auch im Zeitalter von Online-News, die ungefragt und ungesucht in unseren Netzwerken auftauchen.

Meinungsbildung vom Mittelalter bis heute

Lassen wir anhand des Wahlkampfs rekonstruieren, was in den vergangenen paar hundert Jahren passiert ist. Während Neuigkeiten und Fake-News durchaus schon im Mittelalter per Flugblätter verteit wurden, glaubte man später insbesondere das, was in den Zeitungen steht. Wer Einfluss bei der Bevölkerung haben wollte, brauchte die Berichterstattung in den Zeitungen. Das war das Zeitalter der Public Relation (PR).

People-Journalismus Anno 1562: Ein Flugblatt berichtet vom festlichen Ochsen, der anlässlich der Krönung Kaisers Maximilian II. gebraten wurde.

Mit den digitalen Netzwerken tat sich ein neuer Kanal auf. Einer, auf dem man das erste Mal Beziehungen unter Menschen nutzen konnte. Freunde oder Bekannte, die einander Artikel oder ein bestimmtes Verhalten empfehlen, wurden plötzlich zu einer sehr effektiven Werbemassnahme. Denn es zeigte sich, dass Menschen die Informationen weniger kritisch hinterfragen, wenn Freunde die Überbringer waren. Mit dem Verruf der sozialen Netzwerke in Bezug auf Fake News hat die Wahlkampfindustrie in Brasilien scheinbar einen neuen Weg gefunden: sie kaufen Telefonnummern und schicken den Menschen per Whatsapp die News direkt in den Posteingang.

Will man eine Meinung beeinflussen, muss man glaubwürdig sein und den Empfänger zum richtigen Zeitpunkt mit der richtigen Botschaft ansprechen. Das ist die erste Lektion in der Kommunikation. Die Werbeindustrie lernt laufend hinzu und nutzt optimalerweise die Kanäle, die den Empfänger am verlässlichsten erreichen. Das ist ein Geschäftsmodell und es funktioniert sehr gut, solange es kaum zuverlässigen Datenschutz für Nutzer und Nutzerinnen von digitalen Kanälen und Hilfsmitteln gibt.

Ghöre säge, lehrt me lüge

Es scheint, als hätten viele Empfänger in den letzten Jahren verlernt, Botschaften zu prüfen. Dazu kommt, dass schlechte und skandalöse Neuigkeiten bei den Menschen automatisch Empörung und der Drang auslösen , dieser Luft zu machen. Man will den anderen davon erzählen und intuitiv wird der „like“-Button gedrückt und Inhalte weiterteilt. Die Weiterverbreitung von Nachrichten hat sich mit den digitalen Hilfsmitteln um ein vielfaches vereinfacht und verschnellert. Damit hat sich unser gesamtes Meinungsbildungssystem scheinbar verändert. Aber meiner Meinung nach nur scheinbar. Denn im Grunde unterscheidet sich unser Kommunikationsverhalten heute nicht grundlegend von dem im Mittelalter. Damals wurden Gerüchte und News mit Flugblättern und von Mund zu Mund im Wirtshaus verbreitet.  Wenn wir heute etwas Aufsehenerregendes erfahren, erzählen wir die Neuigkeit immer noch weiter. Nur, dass mein Tischnachbar im Mittelalter heute mehrere Tausend Personen in aller Welt sein können.

Als Kind habe ich am Mittagstisch auch gerne den brandheissen Klatsch und Tratsch erzählt, den ich in der Schule von meinen Freunden vernommen hatte.  Wenn ich etwas spannendes über jemanden wiedergab, das ich von einer Drittperson gehört hatte, bekam ich stets folgenden Standardsatz zu hören: „ghöre säge, lehrt me lüge“ oder auf Hochdeutsch: „vom Hörensagen lernt man lügen.“

Meine Eltern legten Wert darauf, dass ich Neuigkeiten über andere Leute nicht einfach weitererzähle, ohne zu wissen, ob sie wirklich wahr sind. Spannenderweise beeinfluss mich dieser simple Spruch „ghöre säge, lehrt me lüge“ bis heute. Ich verschwende noch heute sehr viel Zeit darauf, Fakten zu prüfen. Gerade in politischen Themen, die in der Regel sehr komplex und vielschichtig sind, verlasse ich mich nie auf das Hörensagen. Zu gross ist mir das Risiko, dass ich etwas falsch verstanden habe und entsprechend unkorrekt weiterinformiere. Manchmal ist das ein echtes Handicap, denn mein Tag hat auch nur 24 Stunden. Manchmal wünschte ich, ich könnte – so wie andere – mit einer Überzeugung aus dem Hörensagen ganze Referate halten. Das würde mir doch den ein oder anderen freien Samstag Nachmittag bescheren.

Aber dann lese ich wieder, dass sich Tausende von Menschen auf Grund von (mehr oder weniger offensichtlich scheinenden) Fake News dazu hinreissen lassen, gegen einen Menschen zu hetzen oder einen anderen zu unterstützen und ich bin froh, dass ich ich dieses „ghöre säge, lehrt me lüge“ so verinnerlicht habe.

Statistische Auswertung aus dem Jahr 2017 zur Gutgläubigkeit der Internetnutzer in Deutschland

Mit Blick auf den noch nicht abgeschlossenen digitalen Wandeln und all den kommunikativen Möglichkeiten, die sich in Zukunft noch für uns eröffnen werden wünsche ich mir, dass „vom Hörensagen lernt man lügen“ Schule macht. Ich wünsche mir, dass die Menschen kritischer werden und sich trauen, Gesagtes oder Publiziertes von Freunden, Familienmitgliedern, Politikern und Politikerinnen oder auch Expertinnen und Experten zu hinterfragen und nachzuprüfen. Denn Fragen stellen ist immer gut. Zur Not auch mehrmals, wenn die erste Antwort nicht befriedigend war.

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