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Ein kleiner Ritterschlag zum Sessionsbeginn

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Meine erste Sessionswoche ist bereits vorüber und ich weiss kaum, wo ich mit Schreiben beginnen soll. Bei meiner Vereidigung als Grossrätin des Kantons Bern? Bei meinem ersten Votum als Fraktionssprecherin? Bei unserer verlorenen Kampfwahl? Bei den bereits erlebten interparteilichen Machtspielen? Bei den unheiligen Allianzen? Bei der Motion Moser, die Westast-Gegner und -Befürworter gleichermassen zu einigen vermochte? Oder doch bei der Grossratspräsidentenfeier im kleinen Zwieselberg, die den Abschluss der Woche markierte?

Die Vorbereitungen zu meinem ersten Votum

Die erste Sessionswoche und die davor waren für mich, als Ratsneuling, extrem spannend, vielseitig und intensiv. Im letzten Blogbeitrag erklärte ich bereits, dass die Sessionsunterlagen mehrere hundert Seiten umfassen und die Geschäfte unter den Fraktionsmitgliedern verteilt werden.  Für die Junisession erhielten wir Grossrätinnen und Grossräte 901 Seiten Unterlagen für 121 Geschäfte. In den Fraktionssitzungen am Donnerstag und Montag besprachen wir jedes einzelne Geschäft und berieten unsere Haltung. Bei manchen war sie klar und einstimmig, bei anderen weniger.

Ich selbst trug mich für zwei Motionen ein, die ich glaubte, als Fraktionssprecherin vertreten zu können. Zum Einen war das die Motion Guggisberg zur Kunst am Bau und zum anderen eine Motion der Grünen zu Mehrweggeschirr an öffentlichen Grossveranstaltungen. Bei beiden Themen hatte ich gute Hintergrundinfos aus meinem beruflichen und nebenberuflichen Engagement, was mir die Recherchen erleichterte.

Als junge Grossrätin werde ich in den nächsten Montaten bestimmt viele erste Male erleben. Das erste Mal als Fraktionssprecherin am Rednerpult zu stehen, war in der ersten Sessionswoche eines der eindrücklichsten Erlebnisse.

Die Krux mit dem Formellen

Die Motion Guggisberg (Kunst am Bau) wurde bereits am zweiten Sessionstag behandelt. Der Motionär verlangte, die Ausgaben für Kunst am Bau bei neuen Bauprojekten der  öffenetlichen Hand auf 120 000 Franken zu beschränken. Dies, um der angespannten finanziellen Lage des Kantons Berns Rechnung zu tragen. Aus Kunst- und Kulturkreisen wurde dieser Forderung, gelinde gesagt, nicht gerade Begeisterung entgegengebracht. Unsere Fraktion war sich einig, dass sie die Motion in dieser Form nicht unterstützt. Wir fanden, der Kanton Bern solle die Möglichkeit haben, bei grossen Bauprojekten mit viel Publikumsverkehr mehr als 120 000 Franken für Kunst am Bau zu investieren. Bei öffentlichen Bauten ohne Publikumsverkehr jedoch auch ganz auf die Kunst am Bau verzichten zu können.

Genau diese Haltung galt es für mich als Fraktionssprecherin am Rednerpult formell korrekt zu vertreten. Und genau das Formelle war aus meiner Sicht das Kritische! Schon nur, die korrekte Begrüssung aller Anwesenden nimmt gefühlte fünf Minuten in Anspruch. Sie lautete in meinem Fall nämlich:

“Sehr geehrter Herr Grossratspräsident, sehr geehrter Herr Regierungsrat, Geschätzte Grossrätinnen und Grossräte, liebe Gäste auf der Tribüne, geschätzte Medien”.

Anschliessend galt es, korrekt und verständlich zu kommunizieren, dass wir für das Anliegen von Grossrat Guggisberg zwar Verständnis und gewisse Sympatien haben (Kantonsfinanzen im Griff haben), die Motion aber dennoch geschlossen ablehnen. Zudem musste ich den Anwesenden mitteilen, dass die Grünliberalen ein Postulat, also einen Prüfauftrag, unterstützen, um die Ausgaben für Kunst am Bau in Form eines Prozentsatzes der Gesamtinvestition plafonieren würde.

Am Rednerpult, kurz davor und kurz danach

Schon das Einloggen in die Rednerliste liess meinen Puls um einige Schläge steigen.  Der Zufall wollte es, dass just für dieses Geschäft, “unser” (glp) Grossratsvizepräsident den Rat präsidierte. Und er machte mir das Geschenk, dem gesamten Ratsaal mitzuteilen, dass Grossrätin Stucki nun gerade das erstes Votum ihrer politischen Karriere im Grossen Rat hält. In meinen Ohren rauschte es wie in einem Wasserfall, dermassen in die Höhe schnellte mein Bludruck.

Ich hielt mein Votum und stellte während dessen fest, dass ich wohl etwas schnell spreche. Ansonsten hatte ich das Gefühl, die Haltung der Grünliberalen wie besprochen mitteilen zu können.  Zurück an meinem Platz bestätigten mir meine Fraktionskollegen, dass ich mein erstes Votum gut über die Bühne gebracht hatte. Das freute mich und meine Hände hörten dann auch langsam auf zu zittern. Die grosse Überraschung erwartete mich dann allerdings Abends zu Hause: In der Onlineausgabe der Berner Zeitung war bereits ein Artikel über die Motion Guggisberg erschienen. Darin wurde auch ich mit dem Votum für die glp zitiert. Das fühlte sich an, wie ein kleiner Ritterschlag.

1 Comment

  1. Simon Buri sagt:

    Wunderbar geschrieben, da steigt beim Leser die Anspannung gleich mit 🙂 Weiterhin viel Freude und Erfolg, Barbara!

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